Herausforderungen und Erfolge: 20 Jahre TYPO3

TYPO3 TRITUM /   / Lesezeit: 14 Minuten

Unser Geschäftsführer Björn im Interview

Seit zwei Jahrzehnten arbeitet unser Geschäftsführer Björn mit dem Content Management System TYPO3. Im Interview mit Lisa S. spricht er über die Herausforderungen und Erfolge der letzten 20 Jahre. Warum er TYPO3 mit Hagrid von Harry Potter vergleicht, welches Projekt er am liebsten hat und wohin die weitere Reise mit TYPO3 gehen soll, erfahren Sie in diesem Interview.

Der Beginn der Reise mit TYPO3

Lisa: „Wie begann Deine Reise mit TYPO3 bei TRITUM?“

Björn: 2003 habe ich unsere erste TYPO3 Website für den damals erfolgreichen Biathleten Daniel Graf gebaut. Das war mein erstes TYPO3 Projekt für einen Kunden und die Umsetzung verlangte mir viel ab. Die wenigen verfügbaren Informationen waren schwierig zu bewerten, denn es war unklar, ob die gebotene Lösung funktioniert und State of the Art ist. Zusätzlich brauchte ich viel Zeit, um mich in TYPO3 einzuarbeiten. Ich musste eine steile Lernkurve durchlaufen. Deswegen habe ich relativ lange gebraucht, um die Webseite fertig zu bekommen. Aber du musst auch bedenken: Zu der Zeit war das Internet ein völlig anderer, trauriger Ort. Alles war sehr träge – wir befanden uns gerade im Übergang von ISDN zu DSL und die verfügbare Bandbreite war damit gering. Abgesehen davon gab es weder YouTube noch Social Media noch Spotify. Es war nicht bunt und multimediale Inhalte wie Videos waren nicht verbreitet. 

Es war also eine Herausforderung, meine erste große TYPO3-Website zu erstellen – vor allem allein, da es damals noch keine große TYPO3 Community gab wie heute. 

Aber es war mir eine Ehre, eine Website für einen Leistungssportler zu erstellen, der in den Medien präsent war und national sowie international für Deutschland an offiziellen Biathlon-Weltcups teilnahm. Da ist auch der Funke zu TYPO3 übergesprungen. Sogar für damalige Verhältnisse, als das Internet noch jung war, war TYPO3 bereits ein mächtiges Werkzeug. Du konntest nahezu alles damit bauen, was Kunden sich wünschten. In unserem Fall damals wollte Daniel Graf unzählige Bilder in Galerien präsentieren und fand es toll, alles selbst erledigen zu können, um sich als Sportler zu vermarkten. 

Unsere Projekte blieben bis 2008 klein. Wir arbeiteten hauptsächlich für Sportler und kleine und mittelständische Unternehmen sowie für soziale Einrichtung und im Bildungsbereich. Unser Fokus lag stark auf Bildungsträgern. Dabei bestand die Herausforderung weiterhin darin, dass viel manuelle Arbeit erforderlich war und Wissen weiterhin schwer zugänglich war. TYPO3 Upgrades waren zeitaufwendig und spannend zugleich, da wir damals noch keine Entwickler:innen hatten und alles in einem sehr kleinen Team bewältigen mussten.

Mit den ersten Angestellten haben wir uns in den Projekten weiterentwickelt. Sie wurden größer und umfangreicher.“

Meilensteine und Erfolge

Lisa: “Welches TYPO3 Projekt war bisher Dein Lieblingsprojekt bzw. was war das Coolste, was Du bisher mit TYPO3 gebaut hast?”

Björn: "Ich finde, dass der Online-Coach Diabetes für den AOK Bundesverband ein cooler Meilenstein war und ist. Zwar gab es schon Online-Coaches, unter anderem für ADHS, Krebs und Depression, jedoch wollte die AOK die nächste Generation der Coaches zur Selbsthilfe bei chronischen Krankheiten entwickeln. Für uns war das der erste Schritt in die Richtung dieser Art von Projekten - und was wir da gebaut haben, das ist schon ein Meisterstück

Was dieses Projekt besonders machte, war die Möglichkeit, komplexe Funktionen zu entwickeln, die weit über die Standardfunktionen von TYPO3 hinausgingen. Richtig spannend ist das von uns entwickelte Tailoring. Damit wird der Online-Coach zu einem selbstlernenden System, das sich an die individuellen Bedürfnisse und Lebensumstände der Nutzer:innen anpasst. So werden personalisierte Inhalte ausgeliefert, die auf den individuellen Gesundheitszustand zugeschnitten sind.

Alle im Online-Coach verfügbaren Formularlogiken wurden mit dem uns entwickelten TYPO3 Form Framework erstellt. Das Framework ist seit TYPO3 v8 Teil des TYPO3 Kerns. Damit ist unsere Arbeit theoretisch in jeder TYPO3 Installation enthalten. Das ist ein fantastisches Gefühl. Wenn man bedenkt, dass über eine Million Installationen eine Lösung nutzt, die man selbst entwickelt hat, ist das einfach unglaublich cool. 

Der Weg von der Entwicklung kleiner Websites für KMUs hin zur Umsetzung anspruchsvoller Algorithmen für unsere Kunden und den TYPO3 Kern ist bemerkenswert. Obwohl nur wenige Jahre vergangen sind, haben wir bereits im Jahr 2015 am TYPO3 Kern entwickelt und 2020 den Online-Coach Diabetes ausgerollt."

Lisa: „Welche Herausforderungen hat TYPO3 mit sich gebracht?“

Björn: „Die größte Herausforderung mit TYPO3 besteht darin, sicherzustellen, dass unsere Arbeitsweise effizient ist und dass unsere Teammitglieder schnell und nahtlos in das TYPO3 Ökosystem integriert werden können. Wir wollen vermeiden, dass jeder, der mit uns arbeitet, eine steile Lernkurve durchlaufen muss, bevor er produktiv werden kann. Deshalb haben wir bei TRITUM einen starken Fokus daraufgelegt, internes Wissen zu standardisieren und sicherzustellen, dass jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin über die erforderlichen Fähigkeiten verfügen, um anspruchsvolle Projekte mit TYPO3 umsetzen zu können. Wir möchten unser Wissen weitergeben und streben einen Wissensvorsprung an. 

Ein weiterer wichtiger Aspekt war unsere Entscheidung, uns auf ein einziges Content Management System zu konzentrieren: TYPO3. Wir haben uns bewusst gegen die Verwendung von anderen Systemen wie WordPress oder Drupal entschieden, um uns vollständig auf TYPO3 zu spezialisieren. Dadurch konnten wir uns ein tiefgreifendes Verständnis für TYPO3 erarbeiten und waren in der Lage, frühzeitig innovative Lösungen zu entwickeln und umzusetzen. Wir versuchen immer, Early Birds zu sein. Deshalb habe ich 2009 als einer der Ersten die Zertifizierung zum TYPO3 CMS Certified Integrator gemacht. Wir waren auch ganz früh Gold Partner in der Association und der erste deutsche Partner im Partnerprogramm. Als das neue Partnerprogramm Ende 2023 herausgekommen ist, waren wir der vierte Partner weltweit. Und eben diese Herausforderung immer vorne mit dabei zu sein und das ganz früh, haben wir uns schon immer bewahrt. 

Um immer auf dem neuesten Stand der Entwicklung zu bleiben, verfolge ich aktiv die Kernentwicklung von TYPO3 und teile relevante Informationen mit den Entwicklungsteams. Wir sind bestrebt, immer auf dem aktuellen Stand zu sein und frühzeitig Trends und neue Funktionen zu erkennen. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung war auch die Entscheidung, unsere Mitarbeiter als Entwickler für den TYPO3 Kern zu befähigen, um sicherzustellen, dass wir nicht nur von den Entwicklungen profitieren, sondern auch aktiv dazu beitragen können. Mehrmals im Jahr haben wir TYPO3 Sprints in Jena ausgerichtet und sind zu anderen Sprints gereist. Mein Kollege Ralf war jahrelang Component Merger für das TYPO3 Form Framework.

Eine unserer größten Herausforderungen war es, unseren Anspruch an Qualität und Innovation aufrechtzuerhalten, während wir gleichzeitig eng mit der TYPO3 Community und dem TYPO3 Kern verbunden sind. Es war eine große Ehre für uns, dass der TYPO3 Kern Interesse an unserer Arbeit gezeigt hat, insbesondere an unserer Lösung für den Online-Coach Diabetes. Dies zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind und dass unsere Arbeit einen positiven Beitrag zur Weiterentwicklung von TYPO3 leistet. Unser Ziel ist es, auch weiterhin eng mit der Community zusammenzuarbeiten und hochwertige Lösungen zu entwickeln, die dazu beitragen, TYPO3 als führendes Open Source Content-Management System zu stärken.“

Lisa: „Welche Features und Funktionen sind über die Jahre dazugekommen und was hat sich zum Game Changer entwickelt?“

Björn: „Eine der bemerkenswertesten Entwicklungen im Laufe der Zeit bei TYPO3 ist zweifellos seine außergewöhnliche Robustheit und Stabilität. Diese Eigenschaften sind von entscheidender Bedeutung, insbesondere in einer Umgebung, in der digitale Lösungen ständig aktualisiert und erweitert werden. Im Gegensatz zu vielen anderen Softwareprodukten, die oft fragil sind und bei kleinen Updates versagen können, bietet TYPO3 eine bemerkenswerte Zuverlässigkeit.

Seit TYPO3 3.8 hat die Plattform kontinuierlich in die Verbesserung dieser Robustheit investiert. Diese hat dazu geführt, dass Benutzer keine unangenehmen Überraschungen erleben, wenn sie ihre Websites und Anwendungen mit TYPO3 betreiben. Das bedeutet, dass Entwickler und Administratoren sich darauf verlassen können, dass ihre Systeme auch unter anspruchsvollen Bedingungen stabil und funktionsfähig bleiben.

Es gibt außerdem eine ganz konkrete und transparente Roadmap von TYPO3. Man kann nachsehen, wann genau welche Version herauskommt. Die Community kommuniziert diese Updates präzise, sodass Benutzer genau wissen, was sie erwartet und wann. Dies ermöglicht es Unternehmen und Organisationen, ihre digitalen Strategien entsprechend zu planen und sicherzustellen, dass ihre Systeme immer auf dem neuesten Stand sind.

Und genau diese Robustheit und dieses Commitment, das ist einmalig. Das kennt man aus keinem anderen System. Man hat nicht nur absolute Planbarkeit, sondern eine umfangreiche Dokumentation über jedes Feature und jede Änderung. Man kann alles nachlesen. Das ist eine unschätzbare Ressource für Entwickler und Administratoren. Sie macht es einfach, alle Features und Änderungen nachzuvollziehen, was die Entwicklung und Wartung von TYPO3-basierten Projekten erheblich erleichtert. Zusätzlich gibt es auch Tools dafür, um Änderungen automatisch zu erkennen und auch automatisch den Quellcode anzupassen – sie nehmen einem also sogar Arbeit ab. 

Durch die aktive Beteiligung an der Entwicklung von PHP trägt TYPO3 auch maßgeblich zur Weiterentwicklung des Internets als Ganzes bei. TYPO3 hat vorneweg die PHP-Standards mitgestaltet, und das ist ein großes Achievement. Das verdient höchstes Lob und Anerkennung. Wir als TRITUM schätzen die zahlreichen Beiträge, die TYPO3 geleistet hat, um unsere Arbeit zu bereichern. Durch den ständigen Austausch sei es durch die Organisation von TYPO3 Sprints, Camps oder ähnlichen Veranstaltungen, sind wir stets in Kontakt mit anderen Mitgliedern dieses Ökosystems. Diese Zusammenarbeit hat es uns ermöglicht, unzählige wertvolle Erkenntnisse zu gewinnen und sie in unsere eigenen Projekte bei TRITUM zu integrieren. Ohne die Unterstützung und Offenheit der Open-Source-Community, die das Teilen und die Zusammenarbeit fördert, wären wir nicht das Unternehmen, das wir heute sind. Dieser Austausch hat nicht nur unser Fachwissen erweitert, sondern auch unsere Haltung und unser Wertesystem geprägt. Wir glauben fest daran, dass bedingungsloses Teilen eine der schönsten Eigenschaften ist, die eine Gemeinschaft haben kann, und wir sind dankbar dafür, dass wir durch TYPO3 dazu inspiriert wurden.“

Zukunftsaussichten

Lisa: „Gibt es bestimmte Webseiten oder Projekte, die Du gerne mit TYPO3 realisieren oder auf die Du Dich freuen würdest?“

Björn: "Es gibt eine interessante Lösung, die mich sehr inspiriert: „OpenGemeenten“ aus den Niederlanden. Das Projekt ist ein großartiges Beispiel dafür, wie man mit TYPO3 die Digitalisierung vorantreiben kann. OpenGemeenten bildet die Leistungen einer Kommune digital ab und das barrierefrei und besonders benutzerfreundliche.

Die Niederlande haben hinsichtlich der Digitalisierung ihrer Gemeinden große Fortschritte gemacht und bieten ein inspirierendes Umfeld für solche Projekte. Die Idee, dass Bürger:innen ihre Behördengänge online erledigen können, ohne physisch präsent sein zu müssen, ist äußerst fortschrittlich und inklusiv. Mit OpenGemeenten haben sie eine Lösung geschaffen, die genau das ermöglicht und dabei höchste Standards in Bezug auf Barrierefreiheit und Usability erfüllt.

Unsere Vision ist es, dieses erfolgreiche Konzept unter dem Namen „OffeneGemeinden“ nach Deutschland zu holen und es genauso erfolgreich zu integrieren, wie es die Niederlande vormachen. Wir sind fest davon überzeugt, dass auch deutsche Kommunen von dieser Lösung profitieren können und dass es einen großen Beitrag zur digitalen Transformation der öffentlichen Verwaltung leisten kann. Unser Traum ist, dass innerhalb eines Jahrzehnts jede deutsche Kommune „OffeneGemeinden“ nutzt und somit eine inklusive und zugängliche Online-Umgebung zu schaffen. Solche Projekte tragen dazu bei, die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung voranzutreiben und eine barrierefreie Nutzung für alle Bürger:innen zu gewährleisten.

TYPO3 als Persönlichkeit

Lisa: „Wenn TYPO3 eine Persönlichkeit hätte, wie würdest Du TYPO3 beschreiben?“

Björn: „Es muss jemand extrem Robustes sein. Groß und kräftig. Leistungsfähig. Wenn TYPO3 eine Persönlichkeit hätte, würde ich das System als den liebenswürdigen und zuverlässigen Riesen Hagrid aus Harry Potter beschreiben. Ähnlich wie Hagrid ist TYPO3 stark und robust, aber gleichzeitig liebenswert und zuverlässig. Du kannst auf TYPO3 „irgendwie herumklopfen, zerren und schlagen“, aber es bleibt immer zugänglich und unterstützend.“

Lisa: Gibt es noch etwas, was Du zum Abschluss sagen möchtest?“

Björn: Es ist einfach faszinierend, wie sehr TYPO3 unseren Erfolg beeinflusst hat. Von einer Ein-Mann-Bude hin zu einer 35-köpfigen Firma - diese Reise war einfach unglaublich. Durch TYPO3 haben wir nicht nur fachlich enorm viel gelernt, sondern auch hinsichtlich Prozesse und Werte. Die Idee des Teilens, die hinter TYPO3 steht, hat sogar zur Gründung der dreistrom.land AG geführt, mit über 100 Mitarbeitern. Es ist erstaunlich zu sehen, wie stabil und zuverlässig TYPO3 selbst ist, was uns wiederum Stabilität und Erfolg ermöglicht.

Unsere alten Ichs aus 2017 hätten je geglaubt, dass wir mit TYPO3 komplexe Anwendungen für die AOK entwickeln würden. Wir sind sehr dankbar für das, was TYPO3 uns ermöglicht hat, und für die unzähligen Menschen, die ihre Zeit und Energie investieren, um TYPO3 zu verbessern. Es ist großartig zu sehen, wie Open Source dazu beiträgt, dass wir alle erfolgreich sein können, indem wir unser Wissen und unsere Ressourcen teilen. Indem wir uns entscheiden, unser Wissen zu teilen, ermöglichen wir anderen, großartige Dinge zu schaffen, von denen wir nie zu träumen gewagt hätten. Es ist wie bei Edison und Tesla - sie hätten ihre Erfindungen für sich behalten können, aber durch das Teilen haben sie die Welt verändert. Das Gleiche gilt für uns mit TYPO3 - indem wir unsere Ideen und unseren Code teilen, können wir gemeinsam Großartiges erreichen. Also, danke TYPO3, und danke an alle, die dazu beitragen, dass wir erfolgreich sind und dass unsere Community wächst und gedeiht.“

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